Es sind Momente, in denen man alles vergisst, was um einen herum und in einem drin passiert. All der Alltag, die Sorgen, die Streitereien, alles verschwindet, weil man abtauchen kann, einfach nur, indem man aufklappt und umblättert.
Manche Bücher vollbringen kleine Wunder, bringen Menschen dazu, umzudenken, zu weinen, zu lachen. Diese Bücher eröffnen eine neue Welt, die wir noch nicht kannten, in die wir eintauchen können, wann immer wir wollen, und wenn es uns zu bunt wird, sind wir in einem – im wahrsten Sinne des Wortes – Augenblick wieder im echten Leben.
Jedes Buch ist eine Reise, wir lernen Menschen kennen, mögen die einen, verachten die anderen. Wir werden Teil dieser Welt. Und mit jedem Buch, das wir lesen, sind nicht nur wir Teil einer (Fantasie-)Welt geworden, sondern auch die Welten, die Menschen aus ihnen, ihre Erlebnisse, Denkmuster und Taten bleiben für immer ein Teil von uns.
Kurz: Wer liest, weiß mehr. Wer liest, erweitert seinen Horizont. Wer liest, versteht.
Bücher!
In den letzten Wochen habe ich ein nicht so gutes und vier fantastische, ganz unterschiedliche Bücher gelesen.
Das nicht so gute war ein Bestseller:
Der Regler von Max Landorff. Es war nicht schlecht. Aber es hat mich nicht in seinen Bann gezogen. Interessante Stellen schaffen einen Aha-Effekt und das flaue Gefühl, dass diese dubiose Unterwelt mit solchen „Reglern“ tatsächlich existiert, bleibt zurück. Dennoch konnte ich es problemlos weglegen, jederzeit. Die Figuren haben leider kaum Profil, bleiben schwammig und kommen dem Leser nicht nah.
Fazit: Gute Story-Idee, die an der Umsetzung scheitert.
Empfehlungen
Nun aber zu meinen Lieblingen.
1. Ein Krimi: Adrenalin von Michael Robotham.
Für den Psychologen Joe O’Loughlin wird der Mord an einer Krankenschwester zum Höllentrip. Zuerst wird er als Hilfe von der Polizei hinzugezogen, später steht er selbst im Verdacht, den Mord begangen zu haben. Dabei kann es eigentlich nur sein Patient Moran gewesen sein, denkt O’Loughlin, bis er herausfindet, dass all die Sitzungen mit ihm auf Lügen basierten und er längst mitten drin steckt, in dem perfiden Spiel, bei dem plötzlich sein eigenes Leben in Gefahr gerät.
Der Psychologe ist ein sympathischer, bodenständiger Mann, den man mit seinen Alltagsproblemen mit der Familie sofort ins Herz schließt. Die Story gewinnt immer mehr an Fahrt – während sich die ersten 100 Seiten noch etwas schleppen, kann man die letzten 100 nur noch an einem Stück durchlesen. Der Titel passt, das Adrenalin rauscht auch durch die Adern der Leser.
Fazit: Eine rundum geglückte Story, die immer wieder unerwartete Dinge hervorbringt, und ein Protagonist, mit dem man sofort mitfühlen kann. Sehr, sehr gelungen. Übrigens kein Gemetzel-Buch, die Spannung baut sich psychisch auf!
2. Ein bitterböser Psychothriller: Furchtbar lieb von Helen FitzGerald.
Krissie und Sarah sind seit Kindertagen befreundet, obwohl sie ganz unterschiedliche Charaktere sind. Die eine chaotisch, verplant und wild, die andere organisiert, perfektionistisch und penibel. Zu dritt, mit Sarahs Mann Kyle, geht es in den Urlaub, wo sich die Ereignisse überschlagen: Krissie geht mit Sarahs Mann ins Bett. Dann bringt Krissie Sarah um. Und dann ändert sich einfach alles.
Ein bitterböser Thriller, bei dem (im Gegensatz zu Tipp 1) jede Gewalt- und Sexszene detailliert beschrieben wird. Helen FitzGeralds Tonalität liegt irgendwo zwischen Zynismus, Witz, Satire und Thriller. Sie schafft es, den Leser selbst bei einem Mord schmunzeln zu lassen. Gleichzeitig dringt sie in die Charaktere tief ein, schafft einen Blick in die Seelen der Protagonisten und schockiert den Leser immer wieder mit unerwarteten Wendungen, die einem den Atem stocken lassen.
Fazit: Das Buch bietet Tempo, Witz, schwarzen Humor und all die großen Emotionen: Liebe, Hass, Neid und Gier. Nicht allzu realistisch, aber furchtbar unterhaltsam und alles andere als lieb.
3. Ein leichter Liebesroman: Die Frau meines Lebens von Nicolas Barreau.
Antoine, ein Buchhändler aus Paris, sitzt eines Tages im Café und verliebt sich auf den ersten Blick in die schöne Unbekannte, die ihm sogar – er kann sein Glück kaum fassen – ein Kärtchen mit ihrer Telefonnummer zuwirft. Kurz bevor er sie anrufen will, passiert das Unglück: Ein Vogel tut, was ein Vogel eben manchmal tun muss, und das leider genau auf das Kärtchen. Die letzte Zahl ist verschwunden. Doch Antoine gibt nicht auf und sucht nach der Frau seines Lebens – ob er sie findet, wird nicht verraten…
Ein Roman so zart wie ein Sommertag im wunderbaren Paris. Leicht zu lesen, an einem Tag mit etwas Zeit hat man dieses 136-Seiten-Büchlein durch. Ich habe Antoine sofort ins Herz geschlossen und mit ihm gefiebert, ob er die Schöne wiederfindet. Habe mit ihm gelitten und gelacht, es war, als erzähle mir ein guter Freund seine Geschichte. Und trotz der Leichtigkeit gleitet Nicholas Barreau niemals ins Banale ab, in jedem Satz schwingt ein bisschen Weisheit mit genau der richtigen Dosis Kitsch mit.
Fazit: Ein wunderbares Buch, das glücklich macht. Und jede Leserin wird sich wünschen, die schöne Unbekannte zu sein. Ach, wenn solche Männer doch bloß im echten Leben existieren würden…!
4. Ein Drama/Science-Fiction-Roman: Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro.
Hailsham ist auf den ersten Blick ein gewöhnliches Internat in England. Kathy, die Ich-Erzählerin, und ihre Freunde Ruth und Tommy wachsen hier auf, jedoch nicht, um irgendwann einem normalen Leben nachzugehen, sondern um Organe zu spenden. Hailsham ist nur dafür da, um lebende „Ersatzteillager“ aufzuziehen – Klone von Menschen, die einzig dem Zweck dienen, Organe zu entwickeln, die gespendet werden können. Allerdings wird dies nie direkt gesagt, sondern entwickelt sich nur im Kopf des Lesers durch all das, was zwischen den Zeilen steht. Wir verfolgen, wie die drei Kinder aufwachsen, zu Erwachsenen werden, mit einem immer stärker werdenden Bewusstsein über ihr Schicksal und einem ebenso schnell wachsenden Fatalismus.
Ein Roman, der unspektakulär daher kommt – schlichte, aber immer stilsichere Sprache, kaum Sprünge in der Handlung, sogar das Cover wirkt einfach. Und dennoch sind es Feinheiten, die einen in den Bann ziehen. Ishiguro schafft es, Lebensgeschichten und Charaktere nachvollziehbar zu machen, kleinen Momenten, in denen nur ein falsches Wort gefallen ist, eine große Bedeutung zuzumessen. Er übersieht nicht. Wie ein Mensch zu dem wird, was er ist, ob tatsächlich der Mensch sein Schicksal bestimmt und welche Rolle dabei die Umstände spielen, was wir verpassen, während wir auf die großen Momente warten und ob Menschen tatsächlich alles umsetzen sollten, was technisch möglich ist – um solche Fragen dreht es sich (wenn auch nur zwischen den Zeilen) in diesem wohldurchdachten, feingeistigen Buch.
Fazit: Faszinierend, fesselnd, lesenswert, wichtig und auf ganz unaufgeregte Art ein schockierendes Buch.