Archiv | Juni, 2011

Facebook – Fluch und Segen zugleich

30 Jun

Facebook zerstört soziales Miteinander, hält einen vom Arbeiten ab und macht süchtig. Die sozialen Netzwerke müssen viel Kritik standhalten, schaffen das aber problemlos. Die Nutzerzahlen steigen täglich, kaum jemand unter 40 kann sich Mark Zuckerbergs Lebenswerk entziehen.

„Gefällt mir“ macht süchtig

Auch ich bin (viel zu) aktive Nutzerin. Ich gebe zu, dass ich zu viel Zeit dort verplempere, in der ich putzen, lernen, lesen, schreiben oder eine Runde durch den Park joggen könnte. Stattdessen gucke ich mir Reise-Fotoalben von Menschen an, die ich kaum kenne und chatte mit einer Freundin, die ich abends sowieso sehe. Mein Freund sagt, ich bin ein Junkie. Ein Internet-Handy-Facebook-Junkie. Ständig blicke ich auf mein iPhone 4, das trotz des horrenden Kaufpreises inzwischen auch irgendwie jeder hat, aber durch farbige Schutzhüllen wahnsinnig individuell wird. Ich checke Mails, schreibe SMS, suche Abendessen in der Rezepte-App und das fertig gekochte Dinner wird dann erst einmal bei Facebook als Status-Bild gepostet. Bin ich süchtig? Tatsächlich habe ich mir selbst eine Urlaubs-Abstinenz vorgenommen, zwei Wochen werde ich im August ohne Handy verbringen. Mal ganz an Ort und Stelle sein, nicht erreichbar, vielleicht einmal in der Woche im Internetcafé nach E-Mails schauen. Denn die kleinen Glückshormone für jedes Anstupsen, jeden „Gefällt mir“-Daumen, jeden Kommentar sollten nicht Grund dafür sein, mein Umfeld zu vergessen, während ich auf mein Handy starre.

Nicht alles ist schlecht

Dennoch will ich auch mal meine persönlichen positiven Erfahrungen mit Facebook herausstellen.

Erster Punkt, ganz klar, allen bekannt: Man verliert die Leute, die weiter weg wohnen, nicht so schnell aus den Augen. Man weiß in etwa, was sie tun, was sie beschäftigt (Umzug, neuer Job, Heirat,…). Und wenn man sich wiedersieht, muss man nicht bei Null anfangen, sondern hat eine kleine Basis an Grundinformationen.

Zweiter Punkt: Ich habe schon wirklich interessante Dinge bei Facebook mitgekriegt. Das beginnt mit guten Artikeln aus Titanic, Spiegel Online, Welt und Co., die auf meiner Pinnwand erscheinen, weil jemand sie geteilt hat. Ich klicke die Tipps meiner Freunde gerne an, lieber als Empfehlungen kommerzieller Seiten – und meistens steckt auch wirklich etwas dahinter, was mich interessiert. Zudem werden über die Kommentarfunktion Diskussionen geführt. Erst vor wenigen Tagen haben Menschen, die sich nicht einmal alle kennen, eine hochinteressante, komplexe und intelligente Diskussion über Atomkraft begonnen. Bissig und ironisch, wütend, angriffslustig, aber immer mit Köpfchen. Gefällt mir!

Dritter Punkt: Da viele Firmen Facebook für ihr Marketing entdeckt haben, bekommt man zwar auch viel Werbung zu lesen, aber es gibt gerade für Facebook-Fans oft tolle Aktionen. Bei John Frieda habe ich ohne viel Aufwand neulich ein Go-Blonder-Produktset gewonnen, zur Weihnachtszeit gab es in einem Facebook-Adventskalender eines Onlineshops täglich tolle Gewinne, auch da habe ich einen hochwertigen Marken-Poncho abgesahnt. So eine hohe Wahrscheinlichkeit in Gewinnspielen zu punkten gab es wohl nie zuvor.

Und die Moral von der Geschicht’

Facebook ist Fluch und Segen zugleich. Es erleichtert und erschwert, es macht süchtig und wütend, es macht glücklich und provoziert Missverständnisse. Es soll ja schon Paare gegeben haben, die sich wegen eines aus Spaß veränderten Beziehungsstatuses haben scheiden lassen. Soweit darf man es mit der Facebook-Sucht dann wirklich nicht kommen lassen. Ich werde wohl weiterhin rumsurfen, Zeit verplempern, „I like!“ sagen und nach den guten Seiten des Netzwerkes suchen, um mir das Ganze schön zu reden. Denn Sucht hin, Ablenkung her: Abmelden ist doch auch keine Option.

Wenn ein Stück Kindheit geht

23 Jun

Es gibt Menschen im Fernsehen, die sind Moderatoren, und es gibt andere, die sind viel mehr als das. Sie sind Institutionen. Ein Fernseh-Leben ohne sie ist kaum vorstellbar, sie gehören auf den Bildschirm wie Gin zu Tonic und Pommes zu Mayo.

Zwei fallen mir spontan ein: Günther Jauch und Thomas Gottschalk. Letzterer, unser blond gelockter Freund der familienfreundlichen Samstagabendunterhaltung, ist nun drauf und dran, seinen Status aufzugeben. Nach dem tragischen Unfall bei „Wetten, dass..?“, bei dem Samuel Koch schwer verletzt wurde, will Gottschalk nun Schluss machen. Seine Mallorca-Ausgabe von „Wetten, dass..?“ letzten Samstag machte es nicht leichter, das zu akzeptieren: Thomas Gottschalk war grandios. Er bot den Zuschauern eine der besten Sendungen seiner Karriere. Ich schaue „Wetten, dass..?“ sonst eher nebenbei und mache etwas anderes, lese Zeitschriften, schreibe Mails, surfe im Internet. Bei dieser Sendung allerdings war ich voll dabei – illustre Gäste, unterhaltsame Wetten (der Kerl mit den Kokosnüssen war grandios!) und ein entspannter, witziger und auch gar nicht so schlecht gekleideter Gottschalk.

Es wird komisch, wenn er nicht mehr da ist. Immer einen blöden Spruch auf den Lippen, immer entspannt, immer er selbst. Thomas Gottschalk und „Wetten, dass..?“ – damit bin ich groß geworden. Aber es ist ok, ich kann damit leben. Ich starte ins Berufsleben, beginne einen neuen Lebensabschnitt – da passt ein neuer „Wetten, dass..?“-Moderator doch ganz gut. Mein Wunsch: Hape Kerkeling. Er hat meiner Meinung nach das Zeug dazu, die nächsten Jahrzehnte zu übernehmen, nur er. Und vielleicht habe ich irgendwann ein Kind, das in 25 Jahren dann darüber bloggt (oder was auch immer man dann tut), dass der große Hape aufhört.

Radikalismus der Oberflächlichkeit

1 Jun

Ungewollt bekam ich gestern in der Umkleide meines Fitnessstudios mit, wie eine mir unbekannte Frau sich am Handy über eine andere mir unbekannte Frau echauffierte. Sie redete so laut in die hallende Stille der Umkleidekabine hinein, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mich zurückzulehnen und zu genießen, was die schicken Damen der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft so von sich geben.

Offenbar ging es darum, dass ein Freund, vielleicht ihr Ex oder „Schwarm“, wie die Bravo sagen würde, mit einer Anderen ausgeht. Diese „Andere“ wurde für meine Umkleidekabinen-Dame zum Projektionsobjekt all ihrer unterdrückten Hassfantasien, von denen sie am Telefon einer Freundin ansatzweise erzählte.

Kommentarlos möchte ich zitieren.

„Das ist so eine… hat was von ’ner Ossi-Braut.“

„Seit wann braucht der Kerl eine, mit der er am nächsten Tag in irgendwelchen Boulevardblättern zu sehen ist? Nur weil sie sich auf den roten Teppichen so geil fühlt. Also ich hätte das nicht nötig.“

„Das ist so eine, die einen Porsche GT2 in weiß bei einem Kerl geil fände, hahaha!“

„Wenn sie mich sieht, sagt sie wahrscheinlich ‚Aaaach, wir kennen uns noch gar nicht, oder?’, und ich werde scheißfreundlich tun und sagen ‚Schätzchen, warst du nicht immer da, wenn einer meiner Freunde eine Flasche in der Hand hatte?’“

„Total dumm und nicht mal hübsch. So eine Kackbratze. Keine Ahnung was der mit der will.“

Und dann das

Und dann war das Gespräch irgendwann vorbei, ich schmunzelte so vor mich hin, dachte, naja, dann ist sie vielleicht eine ganz Bodenständige (ich habe sie nicht gesehen, nur gehört), und dann kam folgende in feinstem Mädchen-Säusel-Ton komponierte Verabschiedung:

„So, mein Schatz, ich muss jetzt auf’s Laufband, sonst schaff ich zeitlich wieder alles nicht, bin so busy… also, ich halt dich auf dem Laufenden, gell? Bussiiii!“

Beste Feindinnen, äh, Freundinnen

Die Frau ist die größte Läster-Queen, die ich seit langem gehört habe. Und der Verabschiedung nach zu urteilen, gehört sie ebenso wie ihre neu auserkorene Feindin zu denen, die als Begrüßung die Drei-Küsschen-In-Die-Luft-Zeremonie zelebrieren. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie bei der nächsten Party, so die „Kackbratze“ dann einen anderen Kerl hat, sich besinnt, den „wahren Charakter“ der „Ossi-Braut“ erkennt, plötzlich merkt, dass „dass da echt total was hinter steckt“ und nach einer gemeinsamen Flasche Champagner sind die beiden dann beste Freundinnen.

Darf man jemanden so niedermachen?

Es ist der Radikalismus der Oberflächlichkeit, der mich bei besagter Telefonistin erst zum Schmunzeln, dann zum Zweifeln gebracht hat. Ist es nicht traurig, dass solche Gespräche überhaupt stattfinden? Dass ein fremder Mensch so maßlos niedergemacht, in solch ein schlechtes Licht gestellt wird?

Natürlich lästern wir alle mal. Lästern gehört dazu, es ist ein soziales Mittel, um Gemeinschaft herzustellen, um einen gemeinsamen Nenner zu finden: die Ablehnung eines anderen Menschen.

Nobody’s perfect

Doch es muss nicht sein, solche Hasstiraden gerade in der Öffentlichkeit loslassen. Man kann auch abwägen, ehrlich bleiben, sei ein Mensch auch noch so nervig/hässlich/penetrant – jeder, wirklich jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten. Niemand ist perfekt. Ich möchte hier nicht mit dem Moralhammer um mich wirbeln, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass heftige Lästerattacken nie gut ankommen. Mal ein sarkastischer Spruch, mal eine ehrliche Kritik, all das ist in Ordnung. Aber wenn man richtig loslegt, kein gutes Haar mehr am Läster-Objekt lässt, hat das nur zur Folge, dass hinter dem eigenen Rücken gelästert wird. Im Sinne von: „Die meint wohl, sie wär die Größte, so wie sie über XY herzieht. Dabei ist sie selbst nicht die Schönste/völlig erfolglos/nicht treu/… “ und so weiter und so fort.

Erfolg schafft Neider

Ich weiß, dass das Leben kein Ponyhof ist, dass man ab und zu die Ellbogen ausfahren muss, und dass man ein dickes Fell braucht, gerade wenn man finanziell/beruflich/mit den Männern/… Erfolg hat. Erfolg schafft Neider. Und Neider lästern. Leider. Dabei hilft es oftmals, einfach zuzugeben: „Ich beneide dich. Wieso passiert mir so was nicht?“

Die Reaktion des Gegenüber offenbart viel. Wenn ein abwertender Blick plus zugehörigem Kommentar kommt, ein gemeiner Spruch von oben herab, dann kann man ja immer noch lästern.

Vielleicht nicht gerade in einer öffentlichen Umkleide, denn dann bestünde die Gefahr, sich in einem Blog wiederzufinden.

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