Radikalismus der Oberflächlichkeit

1 Jun

Ungewollt bekam ich gestern in der Umkleide meines Fitnessstudios mit, wie eine mir unbekannte Frau sich am Handy über eine andere mir unbekannte Frau echauffierte. Sie redete so laut in die hallende Stille der Umkleidekabine hinein, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mich zurückzulehnen und zu genießen, was die schicken Damen der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft so von sich geben.

Offenbar ging es darum, dass ein Freund, vielleicht ihr Ex oder „Schwarm“, wie die Bravo sagen würde, mit einer Anderen ausgeht. Diese „Andere“ wurde für meine Umkleidekabinen-Dame zum Projektionsobjekt all ihrer unterdrückten Hassfantasien, von denen sie am Telefon einer Freundin ansatzweise erzählte.

Kommentarlos möchte ich zitieren.

„Das ist so eine… hat was von ’ner Ossi-Braut.“

„Seit wann braucht der Kerl eine, mit der er am nächsten Tag in irgendwelchen Boulevardblättern zu sehen ist? Nur weil sie sich auf den roten Teppichen so geil fühlt. Also ich hätte das nicht nötig.“

„Das ist so eine, die einen Porsche GT2 in weiß bei einem Kerl geil fände, hahaha!“

„Wenn sie mich sieht, sagt sie wahrscheinlich ‚Aaaach, wir kennen uns noch gar nicht, oder?’, und ich werde scheißfreundlich tun und sagen ‚Schätzchen, warst du nicht immer da, wenn einer meiner Freunde eine Flasche in der Hand hatte?’“

„Total dumm und nicht mal hübsch. So eine Kackbratze. Keine Ahnung was der mit der will.“

Und dann das

Und dann war das Gespräch irgendwann vorbei, ich schmunzelte so vor mich hin, dachte, naja, dann ist sie vielleicht eine ganz Bodenständige (ich habe sie nicht gesehen, nur gehört), und dann kam folgende in feinstem Mädchen-Säusel-Ton komponierte Verabschiedung:

„So, mein Schatz, ich muss jetzt auf’s Laufband, sonst schaff ich zeitlich wieder alles nicht, bin so busy… also, ich halt dich auf dem Laufenden, gell? Bussiiii!“

Beste Feindinnen, äh, Freundinnen

Die Frau ist die größte Läster-Queen, die ich seit langem gehört habe. Und der Verabschiedung nach zu urteilen, gehört sie ebenso wie ihre neu auserkorene Feindin zu denen, die als Begrüßung die Drei-Küsschen-In-Die-Luft-Zeremonie zelebrieren. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie bei der nächsten Party, so die „Kackbratze“ dann einen anderen Kerl hat, sich besinnt, den „wahren Charakter“ der „Ossi-Braut“ erkennt, plötzlich merkt, dass „dass da echt total was hinter steckt“ und nach einer gemeinsamen Flasche Champagner sind die beiden dann beste Freundinnen.

Darf man jemanden so niedermachen?

Es ist der Radikalismus der Oberflächlichkeit, der mich bei besagter Telefonistin erst zum Schmunzeln, dann zum Zweifeln gebracht hat. Ist es nicht traurig, dass solche Gespräche überhaupt stattfinden? Dass ein fremder Mensch so maßlos niedergemacht, in solch ein schlechtes Licht gestellt wird?

Natürlich lästern wir alle mal. Lästern gehört dazu, es ist ein soziales Mittel, um Gemeinschaft herzustellen, um einen gemeinsamen Nenner zu finden: die Ablehnung eines anderen Menschen.

Nobody’s perfect

Doch es muss nicht sein, solche Hasstiraden gerade in der Öffentlichkeit loslassen. Man kann auch abwägen, ehrlich bleiben, sei ein Mensch auch noch so nervig/hässlich/penetrant – jeder, wirklich jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten. Niemand ist perfekt. Ich möchte hier nicht mit dem Moralhammer um mich wirbeln, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass heftige Lästerattacken nie gut ankommen. Mal ein sarkastischer Spruch, mal eine ehrliche Kritik, all das ist in Ordnung. Aber wenn man richtig loslegt, kein gutes Haar mehr am Läster-Objekt lässt, hat das nur zur Folge, dass hinter dem eigenen Rücken gelästert wird. Im Sinne von: „Die meint wohl, sie wär die Größte, so wie sie über XY herzieht. Dabei ist sie selbst nicht die Schönste/völlig erfolglos/nicht treu/… “ und so weiter und so fort.

Erfolg schafft Neider

Ich weiß, dass das Leben kein Ponyhof ist, dass man ab und zu die Ellbogen ausfahren muss, und dass man ein dickes Fell braucht, gerade wenn man finanziell/beruflich/mit den Männern/… Erfolg hat. Erfolg schafft Neider. Und Neider lästern. Leider. Dabei hilft es oftmals, einfach zuzugeben: „Ich beneide dich. Wieso passiert mir so was nicht?“

Die Reaktion des Gegenüber offenbart viel. Wenn ein abwertender Blick plus zugehörigem Kommentar kommt, ein gemeiner Spruch von oben herab, dann kann man ja immer noch lästern.

Vielleicht nicht gerade in einer öffentlichen Umkleide, denn dann bestünde die Gefahr, sich in einem Blog wiederzufinden.

Schlagworte: , , , ,

Eine Antwort zu “Radikalismus der Oberflächlichkeit”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Wir alle tun es – Klatsch, Tratsch und Lästereien – Das Themenquartett - Juni 15, 2011

    [...] eines Promis geplaudert wird – die kleinen Botschaften von Mensch zu Mensch faszinieren einfach. Klatsch ist an sich oberflächlich. Das sollte auch so bleiben, denn sonst kann man schnell jemanden verletzen oder [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.