Ich habe gerade etwas gelesen, das mich nachdenklich gemacht hat.
Maybrit Illner sagt im Spiegel Online Interview: „Wir machen nun mal Fernsehen, und Fernsehen ist zwangsläufig oberflächlich. Und trotzdem gibt es den Leuten etwas.“
Inszenierte Wirklichkeit
„Fernsehen ist zwangsläufig oberflächlich“ – auch ich habe diese Erfahrung in den letzten 10 Monaten TV-Journalismus-Studium gemacht. Man kommt zwar in längeren Filmen wie Reportagen oder Portraits relativ nah an einen Menschen heran, dennoch verändern wir allein schon mit der Anwesenheit der Kamera das Auftreten dieses Menschen. Er betrachtet sich selbst stärker von Außen, sobald die Kamera an ist, achtet auf Gestik und Mimik, erzählt andere Dinge, als wenn die Kamera aus ist. Alles, was vor der (sichtbaren) Kamera geschieht, ist eine Inszenierung – und wenn es noch so „echt“ ist. Das kennt jeder, es fängt doch schon bei Privatfotos auf der Geburtstagsfeier an: Oh, Foto? Moment, ich streich schnell meine Haare glatt und lächle mein Foto-Lächeln, egal, wie sehr ich mich gerade mit meinem Freund gestritten habe. Eine Party kann noch so misslungen sein, auf den Fotos lächeln die Gäste.
Zudem bleiben Fernsehtexte oberflächlich. Statt Fremdwörter zu verwenden, umschreibt man möglichst einfach; statt Schachtelsätze mit interessanten Sprachspielereien zu bilden, hält man sich am Besten an die „Subjekt-Prädikat-Objekt“-Regel. Einfach bleiben. Bilder sprechen lassen. Ja, es hat auch seinen Reiz, ein Zusammenspiel aus Bild und Text hinzukriegen; Inhalt wird auf andere Weise vermittelt.
Flucht in die Banalität
Doch wieso schauen Menschen denn fern? Entspannung, Unterhaltung, Eskapismus. Sie wollen abschalten, indem sie anschalten. Oberflächlichkeit tut gut, denn dann muss das Gehirn keine Glanzleistungen mehr erbringen.
Ich bin genauso, ich schaue mir nach einem stressigen Tag liebend gern Daniela Katzenberger, Topmodel oder eine romantische Komödie an. Aber meine berufliche Karriere in einer Branche zu sehen, bei der sich alles um schöne Bilder, minimalistische Komplexitätsgrade und simple bis banale Texte dreht, widerstrebt mir.
Hinter der Kamera
Hinter der Kamera geht es im Fernsehgeschäft fast ebenso oberflächlich weiter – anstatt zusammen über die Banalität manch eines Beitrags zu lachen und kollegiales Verhalten an den Tag zu legen, sehen einige (nicht alle!) jeden Kollegen als Konkurrenz. Figur, Outfit, Haare und Stimmung müssen möglichst perfekt sein, auch bei denen, die nur als Reporter oder Redakteure hinter der Kamera agieren. Jeder ist sch…freundlich und hinterrücks wird gelästert, als gäbe es kein Morgen. Und das schon in der Ausbildung – im „wahren“ TV-Leben ist das wahrscheinlich noch ausgeprägter, wenn es dann auch noch um Geld geht. Nein, sicher sind nicht alle so, und sicher gibt es das auch in anderen Bereichen. Aber meine Erfahrungen im Medienbereich zeigen, dass dieses Verhalten beim Fernsehen deutlich ausgeprägter ist.
Über den Bildschirmrand geblickt
Doch bei all dem Gerede über Oberflächlichkeit im Fernsehen kommt mir der Gedanke, was im Leben denn überhaupt noch echt ist. Schummel-Unterwäsche, Fensterglas-Brillen, gefärbte Haare, Push-Up-BHs und Make-Up sind heutzutage bei den meisten Frauen Standard. „Dank“ medialer Aufmerksamkeit gelten auch Schönheits-OPs kaum mehr als Besonderheit – schau ich mich im Fitnessstudio um, so sehe ich jedes mal operierte Brüste oder Narben von Fettabsaugungen und Straffungen. Sogar 13-Jährige wollen sich schon operieren lassen, anstatt zu lernen, ihre Körper mit all den Veränderungen zu beobachten und zu akzeptieren.
Das also ist das echte Leben, ohne Inszenierung? Schaut man sich um, laufen alle modebewussten Mädels mit Chino-Hose und hohem, gewollt unordentlichem Dutt herum; die modebewussten Jungs mit schmaler Hose, wer mutig ist auch in Knallfarbe, und dazu ein T-Shirt mit V-Ausschnitt. Nerd-Brillen sind langsam wieder out, Stoffschuhe in. Schau ich mich auf der Straße in der Innenstadt um, erblicke ich also vor allem eines: Uniformität.
Das geht in den Meinungen und Ansichten weiter, Stichwort soziale Erwünschtheit. Smalltalk drehen sich um (beliebige Auswahl):
- böse Atomkraft,
- böse Schuldenkrise,
- böse Politiker,
- schlechte Bezahlung,
- Hochzeit von Freunden,
- Kind und Karriere vereinen,
- abnehmen,
- Sport,
- blöde neue Kollegin.
Und das gute alte Wetter, na klar. Alles in Smalltalk-Manier, man kratzt kaum an der Oberfläche. „Unfassbar, wir sollen nun auch noch die Italiener finanzieren!“ – „Ja, so eine Sauerei.“ – „Immerhin, heute gibt’s Schweinebraten in der Kantine.“
Henne oder Ei?
Oberflächlichkeit im Fernsehen? Tatsächlich bildet das Fernsehen oftmals nur die Wirklichkeit ab, hält uns den Spiegel vor. Banalitäten bestimmen doch den Großteil des Alltags der meisten von uns. Wer antwortet schon ehrlich auf die Frage, wie es einem denn so ginge? Wer sagt immer seine Meinung? Wer lächelt nur dann, wen ihm nach einem Lächeln zumute ist? Wer ist immer tiefsinnig?
Bei all den Diskussionen um die Belanglosigkeiten frage ich mich: Ist es tatsächlich das Fernsehen, das oberflächlich ist, oder sind wir es?
Und wenn wir es sind – woher kommt dieses Verhalten und Denken? Ist es schlimm?
Und kann man Wahrhaftigkeit lernen?