Unsere Wohnung war ein Glückstreffer: Als mein Freund und ich vor einem halben Jahr durch die Straßen fuhren, wir waren auf dem Weg nach Hause, unterhielten wir uns über die Wohngegend, „Hier würde ich gerne wohnen“, sagte er, und ich lächelte verdutzt, und antwortete: „Das wollte ich auch gerade sagen“.
Ich zog mein iPhone aus der Tasche, wir hielten kurz am Straßenrand und ich hielt die Kamera auf das Haus gerichtet. „Wohnung frei – 730€“, stand da. Zugegeben, die Maklergebühren waren ärgerlich. Aber ansonsten haben wir unsere Traumwohnung gefunden!
Klingt wie im Science Fiction Film. Obwohl – inzwischen wissen viele Technik-Interessierte, dass diese „Augmented Reality“, die erweiterte Realität, schon möglich, nur noch nicht ganz serienreif ist. Im Lego-Laden Hamburg kann man die Spielzeuge, die noch eingepackt sind, vor die Kamera halten und sieht sie dann bereits aufgebaut und voll funktionstüchtig – in den eigenen Händen. Sogar drehen und von allen Seiten angucken ist möglich, in Echtzeit.
Vor einer Spielekonsole kann man schon lange herumhüpfen, um Dinge auf dem Bildschirm geschehen zu lassen.
Es gibt Apps, bei denen man die Handy-Kamera in den Nachthimmel hält und selbst bei Bewölkung dank GPS das aktuelle Sternenhimmelbild inklusive Infos zu Sternenbildern etc. bekommt. Man kann die Kamera gegen das Alpenpanorama halten und bekommt Infos zu Namen und Höhen der Berge. Realität und Technik verschmelzen.
Wohin ist die Zeit verschwunden?
All das ist fremd und faszinierend zugleich. Die Frage ist: Machen all diese Gadgets das Leben wirklich leichter, schöner, besser?
Ich habe mit einem Kumpel darüber geredet, wie abstrus manche Entwicklungen in unserer Gesellschaft laufen. Wieso gilt es als Rezession, wenn kein Wachstum vorhanden ist? Wieso bedeutet Stillstand Rückschritt?
Wir (und damit meine ich die Menschen, die in den Industrienationen leben) entwickeln Maschinen, die immer stärker, leistungsfähiger und schneller sind. Sie sollen uns das Leben erleichtern, alles einfacher und schneller machen. Doch in den letzten Jahren ist genau das Gegenteil passiert: Die Arbeitsbedingungen werden härter, durch die allgegenwärtige Technik und Kommunikation sind wir nie „weg“. Wir schreiben im Urlaub Mails, wir chatten abends im Bett noch mit dem Kumpel, wir telefonieren in der U-Bahn (in der nur ganz selten mal kein Netz ist). Die Menschen arbeiten länger, sind immer größerem Druck ausgesetzt und werden krank. Alle Zeitschriften schreiben über Burn-Out und menschenunwürdige Bedingungen. Ich frage mich da: Was ist passiert? Früher musste man auf Briefe warten. Konnte nicht schnell eine Rundmail schreiben, um alle Informationen an alle Mitarbeiter in ganz Deutschland zu verteilen. Da war vieles umständlicher, hat länger gedauert – und dennoch hat man das Gefühl, dass es damals „irgendwie“ weniger Stress war.
Im Lexikon nachschlagen dauert länger als bei Wikipedia nachzugucken.
In den Laden gehen und eine CD kaufen dauert länger als das Album bei iTunes herunterzuladen.
Fotos auf den PC zu ziehen geht schneller als alte Filme im Fotoladen entwickeln zu lassen.
Dem Kumpel in der anderen Stadt eine Mail zu schreiben geht schneller als einen Brief zu schicken.
Ich frage mich: Wo ist all die Zeit geblieben, die wir eingespart haben?
Und wieso sind wir so schnell ausgebrannt, wenn doch die Maschinen fast alles für uns erledigen?
Man isst immer mehr als man wollte.
Ich habe selbst keine Antworten, geschweige denn Lösungen oder Verbesserungsvorschläge. Ich kann nur meine Beobachtungen und Fragen formulieren, um möglicherweise andere zum Nachdenken zu bringen. Natürlich habe auch ich im eigenen Kopf selbstgebastelte Vermutungen; so denke ich, dass die Reizüberflutung, das Gefühl alles immer und überall haben und machen zu können, dazu führt, dass die Menschen möglichst viel mitnehmen wollen, einfach weil die Möglichkeiten gegeben sind und sie nicht das Gefühl haben wollen, etwas zu verpassen. Das jedoch führt dazu, dass sie vergessen, sich mit dem Wichtigsten auseinanderzusetzen: sich selbst, den eigenen Bedürfnissen. Ich denke, dass ein Mensch sich ständig fragt: „Was will ich?“ Dabei sollte er sich viel öfter fragen: „Was brauche ich?“
Und mal ganz ehrlich: Niemand BRAUCHT 3D-Fernseher, 828 Meter hohe Türme und Sternenhimmel-Apps. Es ist normal und richtig, das Bedürfnis nach Konsum, Weiterentwicklung und Neuerung zu haben. Aber hin und wieder innehalten und nach den tiefliegenderen Bedürfnissen zu hören halte ich für wichtig.
Ein Vergleich: Mit etwas Appetit macht man sich fertig für das Abendessen im Hotel. Eigentlich hat man gar nicht viel Hunger – es gab ja vor knapp eineinhalb Stunden noch ein Brötchen am Flughafen. Im Restaurant dann das Buffet: riesig, duftend, mit hunderten von verschiedenen Speisen. Vorspeisenbuffet, Salatbuffet, Brotbuffet, Käsebuffet, noch imposanteres Hauptspeisenbuffet, Eisbuffet, Dessertbuffet. Eigentlich hatte man kaum Hunger, doch verlockt von all den Gerüchen und Köstlichkeiten isst man viel mehr, als man wollte. Eigentlich ist der Hunger schon nach der Vorspeise gestillt, dennoch isst man drei Gänge.
Es ist das Angebot, das Bedürfnisse schafft. Hat das Leben zu viele Angebote, fressen wir uns durch dieses Buffet eben auch hindurch – bis uns schlecht ist.
Früher tranken wir alle Milch
Eine andere Beobachtung, die ich gemacht habe: Obwohl die Medizin soweit ist wie nie zuvor, uns die modernsten Techniken und Tabletten bietet, sind die Menschen ständig krank. Und es kommen immer wieder neue Krankheiten dazu. Ich will nicht sagen, dass ich diese Dinge nicht glaube oder nicht ernst nehme, im Gegenteil, ich finde es erschreckend.
Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass im Kindergarten jemand keinen Kakao getrunken hat „weil die Lara laktoseintolerant ist“. Wir haben alle Milch getrunken.
Mir war bis vor Kurzem nicht bewusst, dass glutenfreies Brot überhaupt existiert. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass vor 50 Jahren jemand wegen „psychosomatischer Nackenverspannungen“ zur Akupunktur gegangen ist.
Irgendetwas hat uns empfindlicher gemacht, unseren Körper anfälliger, uns die Robustheit genommen.
Waren wir es selbst? Und wie können wir uns unsere Kraft zurückholen?