Archiv | September, 2011

Faszination und Depression

16 Sep

Unsere Wohnung war ein Glückstreffer: Als mein Freund und ich vor einem halben Jahr durch die Straßen fuhren, wir waren auf dem Weg nach Hause, unterhielten wir uns über die Wohngegend, „Hier würde ich gerne wohnen“, sagte er, und ich lächelte verdutzt, und antwortete: „Das wollte ich auch gerade sagen“.

Ich zog mein iPhone aus der Tasche, wir hielten kurz am Straßenrand und ich hielt die Kamera auf das Haus gerichtet. „Wohnung frei – 730€“, stand da. Zugegeben, die Maklergebühren waren ärgerlich. Aber ansonsten haben wir unsere Traumwohnung gefunden!

Klingt wie im Science Fiction Film. Obwohl – inzwischen wissen viele Technik-Interessierte, dass diese „Augmented Reality“, die erweiterte Realität, schon möglich, nur noch nicht ganz serienreif ist. Im Lego-Laden Hamburg kann man die Spielzeuge, die noch eingepackt sind, vor die Kamera halten und sieht sie dann bereits aufgebaut und voll funktionstüchtig – in den eigenen Händen. Sogar drehen und von allen Seiten angucken ist möglich, in Echtzeit.

Vor einer Spielekonsole kann man schon lange herumhüpfen, um Dinge auf dem Bildschirm geschehen zu lassen.

Es gibt Apps, bei denen man die Handy-Kamera in den Nachthimmel hält und selbst bei Bewölkung dank GPS das aktuelle Sternenhimmelbild inklusive Infos zu Sternenbildern etc. bekommt. Man kann die Kamera gegen das Alpenpanorama halten und bekommt Infos zu Namen und Höhen der Berge. Realität und Technik verschmelzen.

Wohin ist die Zeit verschwunden?

All das ist fremd und faszinierend zugleich. Die Frage ist: Machen all diese Gadgets das Leben wirklich leichter, schöner, besser?

Ich habe mit einem Kumpel darüber geredet, wie abstrus manche Entwicklungen in unserer Gesellschaft laufen. Wieso gilt es als Rezession, wenn kein Wachstum vorhanden ist? Wieso bedeutet Stillstand Rückschritt?

Wir (und damit meine ich die Menschen, die in den Industrienationen leben) entwickeln Maschinen, die immer stärker, leistungsfähiger und schneller sind. Sie sollen uns das Leben erleichtern, alles einfacher und schneller machen. Doch in den letzten Jahren ist genau das Gegenteil passiert: Die Arbeitsbedingungen werden härter, durch die allgegenwärtige Technik und Kommunikation sind wir nie „weg“. Wir schreiben im Urlaub Mails, wir chatten abends im Bett noch mit dem Kumpel, wir telefonieren in der U-Bahn (in der nur ganz selten mal kein Netz ist). Die Menschen arbeiten länger, sind immer größerem Druck ausgesetzt und werden krank. Alle Zeitschriften schreiben über Burn-Out und menschenunwürdige Bedingungen. Ich frage mich da: Was ist passiert? Früher musste man auf Briefe warten. Konnte nicht schnell eine Rundmail schreiben, um alle Informationen an alle Mitarbeiter in ganz Deutschland zu verteilen. Da war vieles umständlicher, hat länger gedauert – und dennoch hat man das Gefühl, dass es damals „irgendwie“ weniger Stress war.

Im Lexikon nachschlagen dauert länger als bei Wikipedia nachzugucken.

In den Laden gehen und eine CD kaufen dauert länger als das Album bei iTunes herunterzuladen.

Fotos auf den PC zu ziehen geht schneller als alte Filme im Fotoladen entwickeln zu lassen.

Dem Kumpel in der anderen Stadt eine Mail zu schreiben geht schneller als einen Brief zu schicken.

Ich frage mich: Wo ist all die Zeit geblieben, die wir eingespart haben?

Und wieso sind wir so schnell ausgebrannt, wenn doch die Maschinen fast alles für uns erledigen?

Man isst immer mehr als man wollte.

Ich habe selbst keine Antworten, geschweige denn Lösungen oder Verbesserungsvorschläge. Ich kann nur meine Beobachtungen und Fragen formulieren, um möglicherweise andere zum Nachdenken zu bringen. Natürlich habe auch ich im eigenen Kopf selbstgebastelte Vermutungen; so denke ich, dass die Reizüberflutung, das Gefühl alles immer und überall haben und machen zu können, dazu führt, dass die Menschen möglichst viel mitnehmen wollen, einfach weil die Möglichkeiten gegeben sind und sie nicht das Gefühl haben wollen, etwas zu verpassen. Das jedoch führt dazu, dass sie vergessen, sich mit dem Wichtigsten auseinanderzusetzen: sich selbst, den eigenen Bedürfnissen. Ich denke, dass ein Mensch sich ständig fragt: „Was will ich?“ Dabei sollte er sich viel öfter fragen: „Was brauche ich?“

Und mal ganz ehrlich: Niemand BRAUCHT 3D-Fernseher, 828 Meter hohe Türme und Sternenhimmel-Apps. Es ist normal und richtig, das Bedürfnis nach Konsum, Weiterentwicklung und Neuerung zu haben. Aber hin und wieder innehalten und nach den tiefliegenderen Bedürfnissen zu hören halte ich für wichtig.

Ein Vergleich: Mit etwas Appetit macht man sich fertig für das Abendessen im Hotel. Eigentlich hat man gar nicht viel Hunger – es gab ja vor knapp eineinhalb Stunden noch ein Brötchen am Flughafen. Im Restaurant dann das Buffet: riesig, duftend, mit hunderten von verschiedenen Speisen. Vorspeisenbuffet, Salatbuffet, Brotbuffet, Käsebuffet,  noch imposanteres Hauptspeisenbuffet, Eisbuffet, Dessertbuffet. Eigentlich hatte man kaum Hunger, doch verlockt von all den Gerüchen und Köstlichkeiten isst man viel mehr, als man wollte. Eigentlich ist der Hunger schon nach der Vorspeise gestillt, dennoch isst man drei Gänge.

Es ist das Angebot, das Bedürfnisse schafft. Hat das Leben zu viele Angebote, fressen wir uns durch dieses Buffet eben auch hindurch – bis uns schlecht ist.

Früher tranken wir alle Milch

Eine andere Beobachtung, die ich gemacht habe: Obwohl die Medizin soweit ist wie nie zuvor, uns die modernsten Techniken und Tabletten bietet, sind die Menschen ständig krank. Und es kommen immer wieder neue Krankheiten dazu. Ich will nicht sagen, dass ich diese Dinge nicht glaube oder nicht ernst nehme, im Gegenteil, ich finde es erschreckend.

Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass im Kindergarten jemand keinen Kakao getrunken hat „weil die Lara laktoseintolerant ist“. Wir haben alle Milch getrunken.

Mir war bis vor Kurzem nicht bewusst, dass glutenfreies Brot überhaupt existiert. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass vor 50 Jahren jemand wegen „psychosomatischer Nackenverspannungen“ zur Akupunktur gegangen ist.

Irgendetwas hat uns empfindlicher gemacht, unseren Körper anfälliger, uns die Robustheit genommen.

Waren wir es selbst? Und wie können wir uns unsere Kraft zurückholen?

Toll.

14 Sep

Leute, dieses Internet fasziniert mich in gewissen Momenten immer wieder. Hier meine letzten Dinge, die ich im Netz herausgefunden habe:

1. Diese Melodie aus dem Refrain von “Get on the floor” von J.Lo kommt vom Lied “Lambada”. Das findet man raus, indem man “Get on the floor Melodie” googelt.

2. Walter Moers bringt am 5.10. “Das Labyrinth der Träumenden Bücher” raus. (Walter Moers ist und bleibt einer meiner Literatur-Helden, obwohl ich eigentlich nicht auf Fantasy stehe.)

3. Dass Harald Schmidt immer noch fantastisch, sarkastisch, zynisch und sicherlich noch andere Wörter mit -isch am Ende ist. Und ich dafür nicht einmal bis Mitternacht aufbleiben muss. Gestern Abend ging’s mir nicht gut – kein Problem – ich schaue mir gerade die Sendung online (und das sogar legal) an.

Schöne neue Welt. So, ich muss weitergucken. Morgen gibt’s eine Rezension zum tollen Album von “BOY”.

Alles wie immer

12 Sep

Manche erwarteten eine „Fernsehrevolution“, er sollte es schaffen, einem stinklangweiligen Polit-Talk wieder Leben und Sympathie einzuhauchen. Mit seinem jungenhaften Charme und dem Talent, Kritik, Witz und Spott auf kluge, unprätentiöse Weise zu vermitteln fesselt er Zuschauer an Wer wird Millionär, Jahresrückblicke, Stern TV (zumindest bis vor Kurzem) und bringt sie dazu, Krombacher für den Regenwald zu trinken.

Nun also Polit-Talk.

Gespannt saß auch ich gestern Abend vor dem Fernseher, erblickte zunächst den altbekannten Jauch vor einer Fabrikhallen-Wand, auf der Bilder von 9/11 projiziert wurden und so stark verfremdet wirkten. Nett gemacht, dachte ich. Mal was anderes.

Was dann folgte, war nicht so schlecht, dass ich abschalten musste, doch der Mann, der sonst Sicherheit, Kompetenz und die stumme Gewissheit hoher Quoten ausstrahlte, wirkte anfangs wie bei Stern TV, dann unsicher, hölzern und farblos. Nein, es war nicht schlecht, schließlich reden wir hier von Günther Jauch, bei ihm ist es es immer Kritik auf hohem Niveau. Dennoch verdient diese Sendung eine Portion dieser Kritik.

Zwischendurch mal auf Toilette gehen? Kein Problem.

Die von „Switch“ so gerne parodierte Angewohnheit, sich stark auf seine Moderationskarten zu konzentrieren, war auch gestern allzu offensichtlich. Er klammerte sich an Infos und vergaß, dass er gerade mit seiner Spontaneität, allein mit der spontanen Mimik viele Zuschauer unterhalten und binden kann und auch gestern Abend hätte binden können. Er war korrekt, stellte die richtigen Fragen, ließ Klinsmann den Amerikaner beschreiben und alle in etwa gleich viel reden. Er war so korrekt, dass ich nach 10 Minuten begann, mich zu langweilen. Es kamen keine hitzigen Diskussionen auf, vielleicht ein Lacher. Die Sendezeit plätscherte so dahin, nichts fesselte, zwischendurch mal auf Toilette gehen war kein Problem.

Eine Kuppel voller Ansprüche

Der farblose Effekt wurde durch das spektakuläre Studio verstärkt – alles hier schrie: „Groß! Neu! Wow! Revolution! Innovation! TV-Spektakel!“ Und Jauch machte: „Hm.“

Es ist schwer, diese raumschiffartige, moderne Kuppel mit kreativem Fabrik-Charme und voller Ansprüche ausfüllen zu können. Es war nicht umsetzbar, die Kritiker zu befriedigen. Und auch der große „Fernseh-Gott“ Jauch kann nicht zaubern und eine Sendeform komplett neu gestalten. Aber wenn er sich entspannt, die Emotionalität, die schon bei Stern TV geschätzt wurde, beibehält und auch wieder mit Spontaneität punkten kann, dann kann man sich „Günther Jauch“ sicherlich in Zukunft nach dem Tatort ganz gut angucken. Es ist ein Polit-Talk wie jeder andere. Aber es könnte einer der guten werden.

Manchmal tut es gut, zu flüchten.

8 Sep

Es sind Momente, in denen man alles vergisst, was um einen herum und in einem drin passiert. All der Alltag, die Sorgen, die Streitereien, alles verschwindet, weil man abtauchen kann, einfach nur, indem man aufklappt und umblättert.

Manche Bücher vollbringen kleine Wunder, bringen Menschen dazu, umzudenken, zu weinen, zu lachen. Diese Bücher eröffnen eine neue Welt, die wir noch nicht kannten, in die wir eintauchen können, wann immer wir wollen, und wenn es uns zu bunt wird, sind wir in einem – im wahrsten Sinne des Wortes – Augenblick wieder im echten Leben.

Jedes Buch ist eine Reise, wir lernen Menschen kennen, mögen die einen, verachten die anderen. Wir werden Teil dieser Welt. Und mit jedem Buch, das wir lesen, sind nicht nur wir Teil einer (Fantasie-)Welt geworden, sondern auch die Welten, die Menschen aus ihnen, ihre Erlebnisse, Denkmuster und Taten bleiben für immer ein Teil von uns.

Kurz: Wer liest, weiß mehr. Wer liest, erweitert seinen Horizont. Wer liest, versteht.

Bücher!

In den letzten Wochen habe ich ein nicht so gutes und vier fantastische, ganz unterschiedliche Bücher gelesen.

Das nicht so gute war ein Bestseller:

Der Regler von Max Landorff. Es war nicht schlecht. Aber es hat mich nicht in seinen Bann gezogen. Interessante Stellen schaffen einen Aha-Effekt und das flaue Gefühl, dass diese dubiose Unterwelt mit solchen „Reglern“ tatsächlich existiert, bleibt zurück. Dennoch konnte ich es problemlos weglegen, jederzeit. Die Figuren haben leider kaum Profil, bleiben schwammig und kommen dem Leser nicht nah.

Fazit: Gute Story-Idee, die an der Umsetzung scheitert.

Empfehlungen

Nun aber zu meinen Lieblingen.

1. Ein Krimi: Adrenalin von Michael Robotham.

Für den Psychologen Joe O’Loughlin wird der Mord an einer Krankenschwester zum Höllentrip. Zuerst wird er als Hilfe von der Polizei hinzugezogen, später steht er selbst im Verdacht, den Mord begangen zu haben. Dabei kann es eigentlich nur sein Patient Moran gewesen sein, denkt O’Loughlin, bis er herausfindet, dass all die Sitzungen mit ihm auf Lügen basierten und er längst mitten drin steckt, in dem perfiden Spiel, bei dem plötzlich sein eigenes Leben in Gefahr gerät.

Der Psychologe ist ein sympathischer, bodenständiger Mann, den man mit seinen Alltagsproblemen mit der Familie sofort ins Herz schließt. Die Story gewinnt immer mehr an Fahrt – während sich die ersten 100 Seiten noch etwas schleppen, kann man die letzten 100 nur noch an einem Stück durchlesen. Der Titel passt, das Adrenalin rauscht auch durch die Adern der Leser.

Fazit: Eine rundum geglückte Story, die immer wieder unerwartete Dinge hervorbringt, und ein Protagonist, mit dem man sofort mitfühlen kann. Sehr, sehr gelungen. Übrigens kein Gemetzel-Buch, die Spannung baut sich psychisch auf!

2. Ein bitterböser Psychothriller: Furchtbar lieb von Helen FitzGerald.

Krissie und Sarah sind seit Kindertagen befreundet, obwohl sie ganz unterschiedliche Charaktere sind. Die eine chaotisch, verplant und wild, die andere organisiert, perfektionistisch und penibel. Zu dritt, mit Sarahs Mann Kyle, geht es in den Urlaub, wo sich die Ereignisse überschlagen: Krissie geht mit Sarahs Mann ins Bett. Dann bringt Krissie Sarah um. Und dann ändert sich einfach alles.

Ein bitterböser Thriller, bei dem (im Gegensatz zu Tipp 1) jede Gewalt- und Sexszene detailliert beschrieben wird. Helen FitzGeralds Tonalität liegt irgendwo zwischen Zynismus, Witz, Satire und Thriller. Sie schafft es, den Leser selbst bei einem Mord schmunzeln zu lassen. Gleichzeitig dringt sie in die Charaktere tief ein, schafft einen Blick in die Seelen der Protagonisten und schockiert den Leser immer wieder mit unerwarteten Wendungen, die einem den Atem stocken lassen.

Fazit: Das Buch bietet Tempo, Witz, schwarzen Humor und all die großen Emotionen: Liebe, Hass, Neid und Gier. Nicht allzu realistisch, aber furchtbar unterhaltsam und alles andere als lieb.

3. Ein leichter Liebesroman: Die Frau meines Lebens von Nicolas Barreau.

Antoine, ein Buchhändler aus Paris, sitzt eines Tages im Café und verliebt sich auf den ersten Blick in die schöne Unbekannte, die ihm sogar – er kann sein Glück kaum fassen – ein Kärtchen mit ihrer Telefonnummer zuwirft. Kurz bevor er sie anrufen will, passiert das Unglück: Ein Vogel tut, was ein Vogel eben manchmal tun muss, und das leider genau auf das Kärtchen. Die letzte Zahl ist verschwunden. Doch Antoine gibt nicht auf und sucht nach der Frau seines Lebens – ob er sie findet, wird nicht verraten…

Ein Roman so zart wie ein Sommertag im wunderbaren Paris. Leicht zu lesen, an einem Tag mit etwas Zeit hat man dieses 136-Seiten-Büchlein durch. Ich habe Antoine sofort ins Herz geschlossen und mit ihm gefiebert, ob er die Schöne wiederfindet. Habe mit ihm gelitten und gelacht, es war, als erzähle mir ein guter Freund seine Geschichte. Und trotz der Leichtigkeit gleitet Nicholas Barreau niemals ins Banale ab, in jedem Satz schwingt ein bisschen Weisheit mit genau der richtigen Dosis Kitsch mit.

Fazit: Ein wunderbares Buch, das glücklich macht. Und jede Leserin wird sich wünschen, die schöne Unbekannte zu sein. Ach, wenn solche Männer doch bloß im echten Leben existieren würden…!

4. Ein Drama/Science-Fiction-Roman: Alles, was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro.

Hailsham ist auf den ersten Blick ein gewöhnliches Internat in England. Kathy, die Ich-Erzählerin, und ihre Freunde Ruth und Tommy wachsen hier auf, jedoch nicht, um irgendwann einem normalen Leben nachzugehen, sondern um Organe zu spenden. Hailsham ist nur dafür da, um lebende „Ersatzteillager“ aufzuziehen – Klone von Menschen, die einzig dem Zweck dienen, Organe zu entwickeln, die gespendet werden können. Allerdings wird dies nie direkt gesagt, sondern entwickelt sich nur im Kopf des Lesers durch all das, was zwischen den Zeilen steht. Wir verfolgen, wie die drei Kinder aufwachsen, zu Erwachsenen werden, mit einem immer stärker werdenden Bewusstsein über ihr Schicksal und einem ebenso schnell wachsenden Fatalismus.

Ein Roman, der unspektakulär daher kommt – schlichte, aber immer stilsichere Sprache, kaum Sprünge in der Handlung, sogar das Cover wirkt einfach. Und dennoch sind es Feinheiten, die einen in den Bann ziehen. Ishiguro schafft es, Lebensgeschichten und Charaktere nachvollziehbar zu machen, kleinen Momenten, in denen nur ein falsches Wort gefallen ist, eine große Bedeutung zuzumessen. Er übersieht nicht. Wie ein Mensch zu dem wird, was er ist, ob tatsächlich der Mensch sein Schicksal bestimmt und welche Rolle dabei die Umstände spielen, was wir verpassen, während wir auf die großen Momente warten und ob Menschen tatsächlich alles umsetzen sollten, was technisch möglich ist – um solche Fragen dreht es sich (wenn auch nur zwischen den Zeilen) in diesem wohldurchdachten, feingeistigen Buch.

Fazit: Faszinierend, fesselnd, lesenswert, wichtig und auf ganz unaufgeregte Art ein schockierendes Buch.

Hallo, Echo…

7 Sep

Hallo? Ist da noch jemand?

Ich weiß, ich war sehr lange nicht hier, habe mich gehen lassen, meine Wortergüsse nur auf festplatteninternen Gefilden belassen. Wenn man erst einmal angefangen hat, nichts zu posten, dann ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu finden, wieder anzufangen. Durch die entstandene Pause möchte man keine Banalitäten schreiben, da sonst die Leser möglicherweise denken: “Was hat die denn die ganze Zeit gemacht? Hat sie nach so vielen Wochen nichts Spannenderes zu erzählen?” Und dann lässt man es lieber bleiben, verdrängt das bohrende Gefühl, das sich ab und zu in dem Bereich zwischen Brust und Bauch meldet, tut es als Muskelkater ab und vervielfältigt es dadurch noch mehr, da man lange schon nicht mehr beim Sport war, der diesen Ausrede-Muskelkater bescheren hätte können.

So wird die Pause immer größer und – ich gebe es zu – das bohrende Gefühl kleiner. “Jetzt kommt es auf die paar Tage auch nicht mehr an”, denkt man sich, und schaltet den Fernseher an/holt sich ein Stück Schokolade/schreibt die Einkaufsliste/zupft sich die Augenbrauen/… oder geht sogar zum Sport.

Aber nun wurde ich beim Social Networken darauf aufmerksam gemacht, dass es verlorene Leser gibt, die warten. Und wenn ich nicht mehr nur mein Gewissen, sondern auch noch andere Leute mit meiner Untätigkeit (wobei ich gar nicht so untätig war, aber dazu später) enttäusche, ist der Zeitpunkt gekommen. Der Zeitpunkt, zu posten, aktiv zu werden, mich nicht nur Bloggerin zu nennen, sondern auch wieder eine zu sein.

Zur Erklärung, was ich in den letzten Wochen getrieben habe:

- Ich habe meine Abschlussprüfungen gemacht und – da muss ich mich auch mal selbst loben und das Risiko, etwas zu müffeln, eingehen – mit Bravour bestanden. Nenne mich nun Diplom TV-Journalistin, wenn ich mal schlechte Laune habe. Tut gut. Achja: Ich habe das 1000. Diplom in der Geschichte der Bayerischen Akademie für Fernsehen bekommen. Gab ein Buch und ein schönes Foto. Und natürlich Ruhm und Ehre, hüstel.

- Ich bin in einer wilden Nachtfahrt mit meinem Freund von München nach Hamburg gefahren. Haben uns ein großes Auto geliehen: Mercedes, ich glaub’ das war eine G-Klasse (kenne mich mit Autos überhaupt nicht aus). Es war schlimm. Das Auto ist bestimmt toll im Gelände, für (reiche) Förster vielleicht genau das Richtige. Für junge Menschen, die lange auf der Autobahn fahren wollen, ist es die falsche Fahrt. Der Wagen schert gerne mal unerwartet nach links oder rechts aus – nach 9 Stunden Nachtfahrt mit drohendem Sekundenschlaf eher Gefahren- als Luxus-Klasse.

- Wir sind angekommen, 3 Tage später in den Urlaub gefahren (Fuerteventura, Club Aldiana, herrlich!), haben Sport gemacht, haben rumgelegen, ich habe kein Handy, kein Laptop, nichts dabei gehabt, es war hochgradig entspannend.

- Als wir zurück kamen, sind wir 2 Tage später umgezogen, und die Entspannung war sofort hinüber – restliche Kisten packen, der übliche Stress mit altem Vermieter/Hausmeister, putzen, packen, schleppen, putzen, packen, auf Esstischstühlen Fernsehabende machen, weil das neue Sofa nicht da war, altes Sofa vergeblich bei eBay Kleinanzeigen eingestellt, und so weiter.

- Inzwischen sind wir fast einen Monat hier (oh mann, wie die Zeit vergeht…), haben sehr viel Geld in einem schwedischen Möbelhaus gelassen (dessen Schoko-Kekse ich an dieser Stelle noch einmal loben möchte, das Frühstück vor Ort allerdings ist, zumindest gegen 11, nicht mehr zu empfehlen), sehr viele Möbel aufgebaut, eingeräumt, rumgeräumt, und so weiter.

Fazit der neuen Wohnung: Altbauwände und schwere Gegenstände, die man anbohren muss, vertragen sich nicht gut – früher fehlte Beton, tja, da hat man eben Sand genommen. Man sollte bei größeren Möbelstücken immer gemeinsam einkaufen gehen. Klebrige Griffe an der Küche muss man auch einfach mal akzeptieren. Der Eismann kommt auch hierher. Wenn bald noch die Lampen hängen, ist es echt eine Traumwohnung. Ich fühl mich sauwohl.

So. Anders gesagt: Faul war ich nicht. Und in 12 Tagen beginnt mein Praktikum. 12 mögliche Blogeinträge, ich weiß. Und ich tu, was ich kann. Kleiner Ausblick: Morgen werde ich Buchkritiken schreiben, denn ich habe in letzter Zeit viele tolle Bücher lesen dürfen.

Verzeiht mir meine Abwesenheit. Wenn das hier überhaupt noch einer liest. Hallo? Echo?

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