Manche erwarteten eine „Fernsehrevolution“, er sollte es schaffen, einem stinklangweiligen Polit-Talk wieder Leben und Sympathie einzuhauchen. Mit seinem jungenhaften Charme und dem Talent, Kritik, Witz und Spott auf kluge, unprätentiöse Weise zu vermitteln fesselt er Zuschauer an Wer wird Millionär, Jahresrückblicke, Stern TV (zumindest bis vor Kurzem) und bringt sie dazu, Krombacher für den Regenwald zu trinken.
Nun also Polit-Talk.
Gespannt saß auch ich gestern Abend vor dem Fernseher, erblickte zunächst den altbekannten Jauch vor einer Fabrikhallen-Wand, auf der Bilder von 9/11 projiziert wurden und so stark verfremdet wirkten. Nett gemacht, dachte ich. Mal was anderes.
Was dann folgte, war nicht so schlecht, dass ich abschalten musste, doch der Mann, der sonst Sicherheit, Kompetenz und die stumme Gewissheit hoher Quoten ausstrahlte, wirkte anfangs wie bei Stern TV, dann unsicher, hölzern und farblos. Nein, es war nicht schlecht, schließlich reden wir hier von Günther Jauch, bei ihm ist es es immer Kritik auf hohem Niveau. Dennoch verdient diese Sendung eine Portion dieser Kritik.
Zwischendurch mal auf Toilette gehen? Kein Problem.
Die von „Switch“ so gerne parodierte Angewohnheit, sich stark auf seine Moderationskarten zu konzentrieren, war auch gestern allzu offensichtlich. Er klammerte sich an Infos und vergaß, dass er gerade mit seiner Spontaneität, allein mit der spontanen Mimik viele Zuschauer unterhalten und binden kann und auch gestern Abend hätte binden können. Er war korrekt, stellte die richtigen Fragen, ließ Klinsmann den Amerikaner beschreiben und alle in etwa gleich viel reden. Er war so korrekt, dass ich nach 10 Minuten begann, mich zu langweilen. Es kamen keine hitzigen Diskussionen auf, vielleicht ein Lacher. Die Sendezeit plätscherte so dahin, nichts fesselte, zwischendurch mal auf Toilette gehen war kein Problem.
Eine Kuppel voller Ansprüche
Der farblose Effekt wurde durch das spektakuläre Studio verstärkt – alles hier schrie: „Groß! Neu! Wow! Revolution! Innovation! TV-Spektakel!“ Und Jauch machte: „Hm.“
Es ist schwer, diese raumschiffartige, moderne Kuppel mit kreativem Fabrik-Charme und voller Ansprüche ausfüllen zu können. Es war nicht umsetzbar, die Kritiker zu befriedigen. Und auch der große „Fernseh-Gott“ Jauch kann nicht zaubern und eine Sendeform komplett neu gestalten. Aber wenn er sich entspannt, die Emotionalität, die schon bei Stern TV geschätzt wurde, beibehält und auch wieder mit Spontaneität punkten kann, dann kann man sich „Günther Jauch“ sicherlich in Zukunft nach dem Tatort ganz gut angucken. Es ist ein Polit-Talk wie jeder andere. Aber es könnte einer der guten werden.